(Un-)erhörte Geschichten

Historisch-politische Bildung über kollektive Gewalt und Unrechtserfahrungen

Das Thema Migration wird häufig ahistorisch, unpersönlich und in einer an Wertschätzung mangelnden Art und Weise diskutiert. Die Gründe für Migration, die damit zusammenhängenden Realitäten, vor allem aber auch die Stimmen der Migrant*innen selbst kommen nur selten zur Sprache. Um dem entgegenzuwirken und die individuellen Geschichten im Zusammenhang mit ihrem historischen und politischen Kontext darzustellen, entwickelt das Team der transnationalen Dokumentarfilm-und Bildungsinitiative with WINGS and ROOTS eine interaktive Zeitleiste. Sie ermöglicht es einschneidende historische Ereignisse, die unsere Vorstellung von Migration, sozialen und politischen Rechten und Zugehörigkeit geprägt haben, zu erkunden. Zeitlich erstreckt sich der Rahmen auf die letzten 140 Jahre.

Einbezug von kollektiven Unrechtserfahrungen, die in der deutschen Geschichtsschreibung bisher unterrepräsentiert sind

Die interaktive Zeitleiste bereitet ausgewählte historische Ereignisse durch kurze erklärende Texte zum politisch-sozialen Kontext und audiovisuellem Material (entweder von der Initiative erstellte Interviews mit Migrant*innen der zweiten und dritten Generation/jungen People of Color, Archivmaterial, Bilder oder Tonaufnahmen) auf. Neben wichtigen Gesetzen und politischen Entscheidungen im Kontext von Migration und Asyl basiert die Auswahl der Ereignisse vor allem auf dem Einbezug kollektiver Unrechtserfahrungen, die in der deutschen Geschichtsschreibung oft unterrepräsentiert sind. Dazu gehört die Geschichte des Kolonialismus und die Entrechtung Schwarzer Deutscher in der NS-Zeit, die Geschichte von Sinti und Roma und ihre systematische Verfolgung während des Kaiserreiches und der Völkermord während des Nationalsozialismus, die Erfahrung von Migrant*innen in der DDR und von Flüchtlingen aufgrund von Krieg und Vertreibung, sowie Formen des Aktivismus und Widerstandpraktiken. Die Nutzer*innen können wählen, wie sie durch die Zeitleiste navigieren. Indem sie sich für ein bestimmtes Thema oder geographische Region entscheiden, wird für die Nutzer*innen nur ein bestimmter Ausschnitt der Zeitleiste sichtbar und fokussiert so auf ihre aktuellen Interessen. Gleichzeitig können sie Ereignisse markieren, die für sie selbst relevant waren und ihre eigenen Geschichten der Zeitleiste hinzufügen.

Bei der Erstellung der Zeitleiste wird eng mit ehrenamtlichen Unterstützer*innen, akademischen Berater*innen und zivilgesellschaftlichen Partner*innen zusammengearbeitet, so dass unterschiedliche Erfahrungshintergründe und Wissensbestände einfließen können.

Entwicklung von Materialien für die Bildungsarbeit

Im Rahmen des Projektes (Un-)erhörte Geschichten entwickeln die Initiative with WINGS and ROOTS und Cultures Interactive e.V. Materialien für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit, die unter Nutzung der interaktiven Zeitleiste der Vermittlung von kollektiver Gewalt und Unrechterfahrungen im Kontext einer Migrationsgesellschaft dienen sollen. Sowohl in den Medien als auch in Schulen wird Migration häufig auf bestimmte Gruppen (etwa Menschen aus der Türkei), Formen (Arbeitsmigration), Perspektiven Westdeutschland) und Zeiträume (nach dem 2. Weltkrieg) reduziert oder auf punktuell innerdeutsche Fluchtprozesse fokussiert. Die Gesamtheit und Normalität von Wanderungen über Staatsgrenzen hinweg wird nur selten thematisiert und Aspekte von systematischer Unterdrückung und gewaltsamen Konflikten im Herkunftsland sowie fortgesetzter Unterdrückung im Zielland oft ausgeblendet. Gleichzeitig werden auch die vielfältigen Akte des Widerstands gegen solche Menschenrechtsverletzungen nicht sichtbar. Der Fokus des Projektes liegt folglich einerseits darauf die Bezüge und Kontinuitäten zwischen unterschiedlichen historischen Ereignissen aufzuzeigen, wie beispielsweise den Zusammenhang von Kolonialismus und der NS-Zeit, andererseits aber auch durch die Nebeneinanderstellung unterschiedlicher Geschichten und Erfahrungen die Möglichkeit zu geben in einen Dialog zu treten und sich über geteilte, verbindende und trennende Momente auszutauschen.

Ziele des Projekts

  • Anregung eines Dialogs zwischen vielfältigen Zielgruppen mit und ohne Migrations- und Rassismuserfahrungen zur Frage der Vermittlung von gewalt- und unrechtsbezogenen Aspekten der deutschen Migrationsgeschichte
  • Die Entwicklung innovativer und praktikabler schulischer und außerschulischer Bildungsmodule, die Erfahrungen von und den Umgang mit kollektiver Gewalt und systematischem Unrecht im Kontext von Migration multimedial und ohne Ausschlüsse zu (re-) produzieren vermitteln können
  • Die Vermittlung von historischem Wissen über das Auftreten, die Ursachen und Folgen von systematischer Unterdrückung und Gewalt
  • Erfahrungsnahe Sensibilisierung von Pädagog*innen sowie Jugendlichen für die Heterogenität der Perspektiven und Erinnerungsweisen historischer Gewalterfahrung in einer Migrationsgesellschaft
  • Ermöglichung des Transfers von historischem Wissen über gewaltbedingte Migrationsereignisse und ihre Folgen in die Gegenwart, um aktuelle Konflikte zu verstehen und zu reflektieren

Laufzeit

01.08.2013 – 01.01.2015

Das Projekt (Un-)erhörte Geschichten ist eine Kooperation von

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