EXchange Brandenburg - Modellprojekt

 

Exchange Brandenburg ist ein gemeinsames Projekt von Violence Prevention Network (VPN) mit cultures interactive e.V. (CI). Hauptantragssteller ist VPN. Durchgeführt wird das Projekt in Brandenburger Haftanstalten bzw. im Vorhaft-Bereich.

Ausgang: Mit der wachsenden Anzahl ideologisch begründete Straf- und Gewalttaten ist auch ein Anstieg von Inhaftierungen entsprechender TäterInnen zu erwarten. Im Umgang mit all jenen Personen, die Affinität zu extremen Ideologien zeigen, sind eine professionelle Haltung und eine klare Distanz zu den favorisierten Ideologien unabdingbar. Geboten sind mithin Präventions- und Interventionsangeboten sowie Fortbildungen für MitarbeiterInnen des Strafvollzuges und der Bewährungshilfe.

Das Modellprojekt beinhaltet ein umfassendes Maßnahmenpaket, in dessen Rahmen bedarfsorientiert und zeitnah auf Fälle der Radikalisierungsgefährdung bzw. Radikalisierung im Justizvollzug reagiert werden kann. Zu diesem Zweck stellt EXchange Brandenburg Maßnahmen der
(1) Prävention (Biografie-Werkstätten/ jugendkulturell-kreative Identitäts-Workshops für Personen mit Affinität zu extremistischen Ideologien),
(2) phänomenübergreifende Intervention/ Deradikalisierung/ Ausstiegsarbeit im Gruppen- und Einzelsetting und
(3) Fortbildung für Fachkräfte und andere MultiplikatorInnen im Strafvollzug und in der Bewährungshilfe bereit.

Die „Biografie-Werkstätten“ /„Identitäts-Workshops“ ermöglichen die Aufbereitung von lebensgeschichtlichen sowie sozialpolitischen Themen, sodass Assoziationsbrücken zwischen biografischen und aktuellen politischen Fragestellungen entstehen. Ausgangspunkt sind die Lebenswege der jungen StraftäterInnen. Historische Daten und Situationen werden immer auch mit persönlich Erlebtem in Bezug gesetzt. Stimmungen und Emotionen kommen zur Sprache, womöglich auch sehr eindimensionale Sichtweisen auf die bestehende Gesellschaft. Ebenso „dunkle“ Gefühle, an die sich radikalisierende Ideen und  Denken in einfachen Dichotomien anschließen. Es geht um Identitätskonstruktionen, die gefährdet sind, in radikalisierten Wirklichkeitssichten zu verharren – bzw. weiterhin „abzudriften“. Und es geht um ein Verfahren, mittels eines biografisch-narrativen Verfahrens zu ihnen „durchzudringen“ und zu einem differenzierenden Denken anzuleiten bzw. in Distanz zu einschlägigen Ideologien zu treten. Wichtig dabei ist: Die Herangehensweise muss individuell anschlussfähig sei. Mithin gibt es auch keine einfachen Anleitungen und Interventionsmodelle. Die Entscheidung und Wissenserschließung bleibt bei den Teilnehmern und Akteuren selber – nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund ihres Vor-Wissens und ihrer prägenden emotionalen Erfahrungswelten.

EXchange Brandenburg nutzt methodologische Synergien zu derzeit von CI durchgeführten Bundesmodellprojekten, insbesondere zu den Verfahren der ebenfalls narrative-biographisch fundierten „Wir-unter-uns-Gruppe“ im Bundesmodellprojekt DisTanZ (Thüringen) und den „narrativen Dialoggruppen“ in Schulen und Jungendclubs im Bundesmodellprojekt Fair*in (ebenfalls Brandenburg, sowie Niedersachsen und Sachsen). Weitere methodologische Synergien bestehen zu CI’s pädagogisch-wissenschaftlicher Begleitung des Pilotprojekts zum „Ausstieg aus dem gewaltbereiten Extremismus“ der österreichischen Regierung.

Die Gruppen- und Einzeltrainings von EXchange Brandenburg wenden sich an im Radikalisierungsprozess befindliche und radikalisierte Inhaftierte und KlientInnen der Bewährungshilfe. Methodisch und inhaltlich ist die Gestaltung des Interventions- bzw. Deradikalisierungsprozesses abhängig vom Grad der Radikalisierung.

Die Fortbildungen befähigen MultiplikatorInnen, Radikalisierungsprozesse zu erkennen, einen professionellen Umgang mit ideologisierten StraftäterInnen zu finden und bei Bedarf externes, spezifisch geschultes Personal zur Hilfe zu holen.

Zur Erreichung der Hauptziele werden folgende Handlungsziele angestrebt:

  • Durchführung von Biografie-Werkstätten/ Jungendkultureller Identitäts-Reflektion mit gefährdeten Inhaftierten
  • Umfassende Fallabklärung und Diagnostik in Verdachtsfällen von Radikalisierung (nach Bedarf)
  • Umsetzung von spezifischen Gruppen- und Einzeltrainings mit ideologisierten Personen in Haft
  • Fortbildungsangebote für Fachkräfte und MultiplikatorInnen im Haft- und Vorhaftbereich
  • Bedarfsorientierte Beratung von JVAen im Umgang mit ideologisierten Gefangenen
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Folgende Wirkungen sollen erzielt werden:

  • Durch die spezifischen Angebote und Trainings werden ideologisierte Denkmuster radikalisierungsgefährdeter/radikalisierter StraftäterInnen hinterfragt, verändert oder abgelegt. Empathiefähigkeit und Toleranz sind gestärkt
  • Die veränderte Denkweise wirkt sich auch auf das Handeln der Zielgruppe aus: Diskriminierung aufgrund von ethnischer Herkunft, sexueller Orientierung, Genderrollen-Verständnis oder religiöser Zugehörigkeit sowie gewalttätiges Handeln im Strafvollzug ist reduziert
  • Durch die Prävention / Intervention im Radikalisierungsprozess und die Unterbrechung der Gewaltkarriere wird die Lebenslage der Zielgruppe maßgeblich verbessert: Kurzfristig können Haftverkürzungen, langfristig neue Lebensperspektiven und (berufliche) Chancen durch den Ausstieg aus extremistischen Szenen und Gruppierungen die Folge sein
  • Rückfallquoten der Zielgruppe sind verringert, die Re-Integration der StraftäterInnen wird gefördert und zukünftige ideologisch motivierte Straf- und Gewalttaten vermieden
  • Bezogen auf die MultiplikatorInnen wird eine gesteigerte Verhaltenssicherheit im Umgang mit radikalisierungsgefährdeten und radikalisierten Personen bewirkt

 

Projektlaufzeit
2017 - 2019

 

In Kooperation mit 

 

Förderung